Das Westend früher und heute: Die Nettelbeckstraße 26

Das Gebäude in der Nettelbeckstraße 26 wurde im Zuge einer zweiten Stadtteilerweiterung zwischen 1906 und 1910 erbaut. Während eines Luftangriffes am 8. September 1944 wurde das Gebäude stark beschädigt. Im Erdgeschoss ist noch immer ein Geschäft. Seit 2014 ist hier der Kiosk Babylon. Zuvor waren in den Räumlichkeiten einige Jahre ein Sportgeschäft und davor eine Drogerie. Der Kiosk wird von allerlei Leuten besucht. Er scheint eine beliebte Anlaufstelle für die kleinen Bedürfnisse und den kurzen Austausch über aktuelle Geschehnisse zu sein.

Die Nettelbeckstraße 26 nach dem Luftangriff im September 1944. Quelle: Stadtarchiv Wiesbaden, Sammlung Willi Rudolph

Einzelne Bewohner des Gebäudekomplexes können bis ins Jahr 1930 zurückverfolgt werden. Damals lebten dort im dritten Stock der Friseurmeister Hermann Radon (bis 1938 nachweisbar) und die Schneiderin Geschw. Edel (bis 1933 nachweisbar). Ab 1933 betrieb Wilhelm Schlemmer eine Drogerie im Erdgeschoss (bis 1948 nachweisbar). Für die folgenden vier Jahre lebte der Koch Theodor Mager im Haus. Der erste Stock war die letzte Wohnstätte des Rentners Adolf Berthold, der von 1936–1938 unter dieser Anschrift im Adressbuch verzeichnet ist. Nach dem Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Hauses, wohnten hier 1950 der Motorenschlosser Horst Herzig, der Angestellte Dr. Werner Nellner und der Verwaltungsangestellte Richard Saluschke. Heute leben vorwiegend junge Leute, viele Studenten und Berufseinsteiger in dem Haus. Sie leben vorrangig in Wohngemeinschaften, die auch untereinander Kontakt halten und eine kleine Gemeinschaft bilden. Der Kiosk im Erdgeschoss ist auch bei den Hausbewohnern sehr beliebt.

Das Haus hat nur einen kleinen Hinterhof und keine Hinterhäuser. Man kann über die Mauern auf die Hinterhäuser und Rückseiten der angrenzenden Gebäude blicken. Im Durchgang stehen Mülltonnen und viel Baumaterial. Weiterhin finden sich im Hof noch ein Fahrrad und ein Baum. Er wirkt sehr hell, sommerlich und südländisch. Die Substanz des Gebäudes wirkt, trotz des offenbar erst wenige Jahre alten Putzes, älter als auf der Vorderseite. Neben Schweißgeräuschen höre ich Menschen in ihren Wohnungen lachen, angeregte Gespräche, ein Telefonat auf Russisch und eine Toilettenspülung. Vom Stil wirkt es im Hausflur ganz anders als die Außenansicht. Es soll wohl eine Art Jugendstil-Altbauflair imitiert werden. Der Zugang vom Hinterhof ist schmal, der Flur dafür dann umso breiter. Vom Hof kann man auch ins Untergeschoss blicken. Diese Räumlichkeiten scheinen noch ihre ursprüngliche Substanz zu haben.


Literatur:
Niebergall, Rainer (2012). Straßen erzählen Geschichte(n). Von Hinterhöfen und sozialem Wohnungsbau. Das Westend. Wiesbaden (46, 53).
Russ, Sigrid (2005). Kulturdenkmäler in Hessen. Wiesbaden I.3 – Stadterweiterung außerhalb der Ringstraße. Stuttgart (466–468).

Quellen:
Adressbücher der Stadt Wiesbaden und Umgegend, Jg. 1930-37. [15.07.2020].
Wiesbadener Adressbuch mit Bad Schwalbach, Bleidenstadt, Hahn i.T., Niederwalluf, Neuhof i.T., Schlangenbad u. Wehen i.T., Jg. 1938, 1948, 1950. [15.07.2020].


Der historische Vergleich von Archivalischen Quellen mit der Gegenwart veranschaulicht die zeitliche Dimension der Entwicklung im Westend.

Dieser Beitrag gehört zur Station Fotoreally der Phase 1. Nähere Informationen findet Ihr hier.

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