Mit dem Sensor auf zwei Rädern durch das Westend

Der nachfolgende Beitrag ist fiktiv. Die Autorin versetzt sich in die Rolle einer Austrägerin des Stadtmagazins „Sensor“, um einen Rundgang durch das Westend zu beschreiben.

Das monatliche Ausfahren des Sensors1 beginnt am 27. Mai wie gewohnt am Wiesbadener Hauptbahnhof. Mit zahlreichen Magazinen im Gepäck, die sich thematisch rund um die Stadt Wiesbaden drehen, strahlend blauem Himmel und Sonnenschein, beginnt die Fahrt auf dem Fahrrad. Das heutige Ziel ist es, den Bewohnern des Westends den Sensor nach Hause zu bringen . Entlang am Kaiser-Friedrich-Ring und vorbei an der Ringkirche, die sich komplett umfahren lässt und geschützt durch eine Häuserreihe an der befahrenen Straße liegt, ist man auch schon mitten im Treiben des Westends. Denn der Kaiser-Friedrich-Ring geht direkt in den Bismarckring über, der den Stadtteil in das innere und äußere Westend teilt. Ersteres befindet sich zur rechten Seite des sehr stark befahrenen Rings, weshalb Vorsicht geboten ist, während des Abbiegens in die ruhige Bertramstraße oder auch die Bleichstraße. In letzterer befindet sich die Wiesbadener Business School und es reihen sich zahlreiche Läden aneinander, die Obst, Gemüse und allerlei Lebensmittel verkaufen. Dort spielt sich das alltägliche Leben ab. Wer nach seinem Einkauf wieder nach Hause möchte, der findet an der Haltestelle „Platz der Deutschen Einheit“ sicher den richtigen Bus. Um Wartezeiten zu überbrücken, denn der Andrang hier ist immer sehr groß, kann auf dem Platz der Deutschen Einheit ein Päuschen eingelegt werden. Beobachtet von der Stadtpolizei, die ihre Runden über den Platz dreht, lässt es sich hier gut und sicher verweilen.

Grab des Kulturschatzes am Sedanplatz. Foto: Lena Rätz

Inzwischen ist es Mittag geworden und in der warmen Sonne wird das Austeilen des Magazins anstrengend. Bei Harputs in der Wellritzstraße, die parallel zur Bleichstraße liegt, lässt es sich gut speisen. Die Entscheidung fällt allerdings schwer: Burger, Grillspezialitäten, Döner oder doch lieber Baklava? In der Mittagszeit liegt die Wellritzstraße fast ruhig da. Ebenso der angrenzende Sedanplatz, der ein schattiges Plätzchen zum Verweilen bietet. In der Mitte befindet sich ein mit Blumen bepflanztes Grab. Die Inschrift des Kreuzes lautet „Kulturschatz“. Ein Notizzettel, auf dem „RIP Uli“ steht, ziert jenes und auch Erika Mustermann2 hat sich schon verewigt. Das Kultur-Grab scheint, obwohl es erst vor kurzem errichtet worden ist, schon einige Aufmerksamkeit bekommen zu haben.

Entlang der Westendstraße geht es ein Stückchen weiter, um kurz nach den Bülowbienen in der Bülowstraße zu schauen. Trotz der vielen Grünflächen ist es sicher nicht leicht für Bienen einen geeigneten Nistplatz im Westend zu finden.

Nistplatz der Bülowbienen. Foto: Lena Rätz

Nun ist es nicht mehr weit bis zum Briefkasten in der Goebenstraße. Eine kurze Verschnaufpause, da es ein Stückchen bergauf geht, bietet der Zietenring. Hier ist eine von wenigen Bänken im Westend aufgestellt, auf der es sich unter Bäumen schön sitzen lässt. Weiter unten in der Straße ist die Bäckerei Walser Brot zu erblicken.

Um die Bewohner des mittleren äußeren Westends nicht zu vergessen, ist ein kurzer Abstecher zur Blücherschule und zum Blücherplatz erforderlich, was jedoch überhaupt nicht schlimm ist, denn so ein prachtvolles Schulgebäude lässt sich nicht oft erblicken. Die ursprünglich 1897 errichtete Volksschule sollte durch ihre bemerkenswerte Architektur besonders motivierte und fleißige Schüler*innen hervorbringen.

Die Runde ist nun fast geschafft. Vor uns liegt noch der Elsässer Platz, der über die Gneisenaustraße zu erreichen ist und keine einzige freie Fläche bietet. Parkplatz an Parkplatz reihen sich die Autos, um bloß keinen Zentimeter Platz zu verschwenden. Wen wundert’s, denn Parkplätze machen sich im Stadtteil rar.

Briefkasten des Sensors in der Goebenstr. 9. Foto: Lena Rätz

Eine der schönsten Straßen im Westend, die Goebenstraße ist das Endziel der heutigen Fahrt. Umgeben von grünen Büschen befindet sich hier ein Briefkasten des Sensors, in dem die letzten Auslagen ihren Platz finden sollen. Die Straße ist, entsprechend einer Allee, von Bäume umsäumt und vermittelt so den Eindruck, als wäre man in einer anderen Stadt und nicht umgeben von viel befahrenen lauten Verkehrsringen. Kaum hat man die Straße verlassen, fühlt es sich auf dem Kaiser-Friedrich-Ring so an, als wäre das Fleckchen Ruhe nie da gewesen.
Auf dem Weg zum Bahnhof lohnt sich ein Abstecher zum Luxemburgplatz. Versteckt und umringt von Altbauhäusern liegt inmitten dieses Schutzwalls ein Spielplatz und Kindergarten. Ein Platz, den man nicht erahnt hätte. Ebenso wie die Goebenstraße spiegelt er die unterschiedlichen Wahrnehmungen innerhalb der Stadt wieder. Hohe, dicht an dicht gereihte Altbauhäuser liegen zwischen den zahlreichen grünen Nischen, die dem Westend ein Stück Natur zurückgeben und neben den einen Gegensatz dazu bildenden, stark befahrenen Straßen.


[1] Der Sensor erscheint monatlich in Wiesbaden und Mainz und ist das größte Stadtmagazin im Rhein-Main-Gebiet

[2] Wiesbadener Künstler*in


Dieser Beitrag gehört zu den Vorfelderkundungen der Phase 1. Nähere Informationen findet Ihr hier.

Der Perspektivenwechsel ist eine kreative Methode, die es durch das Einnehmen eines unüblichen Blickwinkels ermöglicht, das Feld auf vielschichtige Weise zu erkunden.

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