Das „Sabot“ in der Dotzheimer Straße – Ein verlorener Freiraum?

Über die Dotzheimer Straße in Richtung Platz der Deutschen Einheit, nach der Trinkhalle und dem Steakhouse links abbiegen in die Zimmermannstraße. Nach 15 Metern nochmal links abbiegen auf den kleinen Hof, unter dem Schild mit der Aufschrift „Sabot“ durchgehen, geradeaus zur roten Stahltür. Durch die Tür, die Treppenstufen hinunter in den Gewölbekeller laufen, rechts zur Bar ein eisgekühltes Astra erwerben, dann ans linke Ende des Kellers direkt zur Bühne und den Klängen der spielenden Band lauschen. So begann für viele ein typischer Abend in der Kulturkneipe „Sabot“, einer einzigartigen Location im Wiesbadener Westend. Zumindest bis in den März 2020, als das Sabot während des ersten Corona-Lockdowns seine Pforten schließen musste – in den Räumlichkeiten der Dotzheimer Straße für immer, denn der Mietvertrag lief im April 2020 aus. Doch was genau ist das Sabot, das selbst viele Anwohner*innen nicht kennen?

Unter dem Schild geht es durch ins Sabot. Foto: Johannes Held

2010 beschloss ein Freundeskreis junger Wiesbadener*innen zwischen 20 und 30 Jahren, den „Kulturverein Sabot“ zu gründen, der als Trägerverein für die gleichnamige Kneipe dienen sollte. Sie waren sich einig: Dem Westend fehle eine Location, die einen ‚Freiraum‘ schafft. Einen Raum ohne Diskriminierung, nicht nur zum Feiern, sondern auch um Projekte verschiedenster Art umzusetzen, um Hobby- oder Politgruppen, Künstler*innen und Musiker*innen eine Bühne zu bieten. Das Sabot war nicht auf Gewinn ausgerichtet, sollte sich aber selbst tragen können. Um dies zu gewährleisten, sollte ein abendlicher Kneipenbetrieb regelmäßig Geld in die Vereinskasse spülen. Es war ein glücklicher Zufall, dass in direkter Nachbarschaft Räumlichkeiten zur Verfügung standen. So konnte man in einer „Blitzaktion“, wie Mitbegründer Markus Pabst berichtet, direkt zur Tat schreiten. Das Sabot öffnete seine Pforten.

Über den kleinen Hof kommt man zur Eingangstür der Kulturkneipe. Foto: Johannes Held

Knapp zehn Jahre lang bestand die Location. Der Trägerverein existiert bis heute. Laut dessen Homepage will sich der Verein ab Oktober 2021 um eine neue Örtlichkeit bemühen. Der Verbleib im Westend ist dabei ungewiss. Das ist ein Grund mehr, sich intensiver mit dem Verein, der Kneipe und den Menschen hinter diesen zu beschäftigen. Welche Rolle spielt das Sabot für das Wiesbadener Westend? Wie ist der Kulturverein Sabot in das Geflecht der städtischen Kulturinstitutionen eingebunden? Nimmt er eine Sonderrolle ein? Gibt es Alternativen und falls ja, welche?

Alle diese Fragen können hier noch nicht beantwortet werden. Der Wunsch, sich mit dem Sabot als “urbane Nische“ im Westend auseinanderzusetzen, entsprang der Annahme, man könne das Sabot auf der Suche nach neuen Locations begleiten. Dabei hätte man viel lernen können: Über das Verhältnis der Stadt Wiesbaden zu unkommerziellen Kultureinrichtungen, über die Auswirkung von Gentrifizierungsprozessen auf „urbane Nischen“, über Zuspruch und Ablehnung von Anwohner*innen, über Reaktionen von Vermieter*innen, über Schwierigkeiten bei der Suche und über grundlegende Prozesse selbstverwalteter, autonomer, unkommerzieller Kulturarbeit. Die Corona-Pandemie hat das verhindert. In einer solchen Ausnahmesituation, die neben akuten Gefahren für Leib und Leben auch die Kulturbranche bedroht, konnte ein Prozess der Umorientierung und des Suchens nach neuen Räumen für das Sabot nicht stattfinden. Daher muss auch im Rahmen unseres Forschungsprojektes die Frage gestellt werden: Wie ist damit umzugehen, wenn äußere Einflüsse die Umsetzung der eigenen Pläne verhindern? Welche spannenden Fragen lassen sich nach wie vor an das Sabot richten? Welche Prozesse oder Strukturen sind während der Zwangspause immer noch vorhanden und erforschbar? Die Antworten auf diese Fragen findet Ihr Anfang nächsten Jahres hier auf unserer Website in meiner Hinterhofgeschichte.

Weitere Informationen zum Kulturverein Sabot findet Ihr hier.


Dieser Beitrag ist im Rahmen unserer Vorfelderkundungen (Phase 1) entstanden. Der Autor nahm dafür den Kulturverein Sabot als einen wichtigen Akteur im Westend in den Blick.

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