Das Westend früher und heute: Die Westendstraße 39

Westendstraße 39? Richtig gelesen, Nummer 39. Wenn man heute die Straße hinauf geht, die ihren Namen mit dem Viertel teilt, endet diese in einer Kurve des Kurt-Schumacher-Rings mit der Hausnummer 25. Doch das war nicht immer so. Zwischen 1906 und 1910 wurde die verlängerte Westendstraße angelegt. Vermutlich war die Nummer 39 das letzte Haus der Straße, da hier das Westend offiziell endet(e) und die Fläche neben dem Gebäude auf der historischen Fotografie offenbar nicht bebaut war. Westlich der Lothringer Straße gab es zu dieser Zeit jedenfalls keine Bebauung (vgl. Protokoll Fotoralley a, b; Niebergall 2012, 46, 53; Russ 2005, 463f., 517).

Wie viele andere Gebäude im Stadtteil wurde auch dieses Haus bei einem alliierten Luftangriff am 19. Oktober 1944 schwer getroffen und unbewohnbar. Es ist kaum vorstellbar, was dies für die damaligen Bewohner*innen bedeutet haben mag. Einige von ihnen können bis ins Jahr 1921 zurückausgemacht werden. Damals lebten Kammermusiker und Kurorchestermitglied Ludwig Brückner im ersten (vgl. Adressbuch Jg. 1921, 55; Jg. 1924–25, 32;) und Schreiner Heinrich Schlum(g)s im zweiten Stock (vgl. Adressbuch Jg. 1921, 379; Jg. 1929, 208). Auch der Eisenbahnarbeiter August Lenz fand kurz darauf Unterschlupf im Haus (vgl. Adressbuch Jg. 1924–25, 147). Ab 1926 wohnte unter dieser Adresse auch Oberpostsekretär Moritz Baumann (vgl. Adressbuch Jg. 1926–27, 11), bei dem es sich wahrscheinlich um den von 1929–1933 als Max Baumann gemeldeten Obertelegrafensekretär oder einen seiner Verwandten handelte (vgl. Adressbuch Jg. 1929, 10; Jg. 1931, 11; Jg. 1932–33, 10). Kraftwagenführer Karl Schaack (vgl. Adressbuch Jg. 1929, 200; Jg. 1931, 206; Jg. 1938, 218) und Tüncher Karl Schlereth (vgl. Adressbuch Jg. 1929, 207; Jg. 1930, 211; Jg. 1931, 213)lebten in den Dreißigerjahren ebenfalls in diesem Gebäude. Hinzu kamen 1931 der Bäcker Heinrich Maldaner, der wahrscheinlich im Café und der Konditorei Wilhelm Maldaner in der Marktstraße 34 beschäftigt war (vgl. Adressbuch Jg. 1931, 153) sowie 1932 der Schuhmacher Karl Brzdrenga im zweiten Stock (vgl. Adressbuch 1932–33, 29)und Oberpostschaffner Heinrich Lochmann im Erdgeschoss (vgl. Adressbuch Jg. 1932–33, 137). Ein Jahr vor Kriegsbeginn waren zudem der Postsekretär Jakob Rudolphieim ersten Stock (vgl. Adressbuch Jg. 1938, 214) und die Witwe Elisabeth Schlothauer (vgl. Adressbuch Jg. 1938, 227) in diesem Haus wohnhaft.

Künstler, Handwerker und Beamte – die aktuelle Bewohnerschaft des wiederaufgebauten Gebäudes ist mindestens genauso vielfältig. Heute ist das Haus am Kurt-Schumacher-Ring zu finden. Die Hausnummer 34 hat es erhalten. Zu Gunsten des Verkehrsflusses wurde aus der verlängerten Westendstraße der Kurt-Schumacher-Ring errichtet. Dabei haben sich auch die Grundstücke verschoben und entsprechen nicht mehr den Grenzen vor der Zerbombung. Das jetzige Gebäude sieht gänzlich anders aus als sein Vorgänger. Es hat keine verzierte Fassade mehr. Es ist schlicht verputzt und zur Straße hin mit ebenso schmucklosen Balkonen versehen (vgl. Protokoll Fotoralley a, b; Russ 2005, 464–468). Auf der Westseite wurden hölzerne Fensterläden angebracht, um die Optik der Gebäude in der Krusestraßeaufzugreifen. Die Anzahl der Stockwerke ist gleich geblieben. Heute befinden sich zehn Parteien in dem Gebäude. Den kleinen Hinterhof teilen sich die Bewohner*innen mit ihren Nachbar*innen aus der Krusestraße 8. Der Hof wird wohl vorrangig zum Wäschetrocknen genutzt (vgl. Protokoll Fotoralley a).

Grün​​​​​​​​
Auf Grau​​​​​​
Hausarbeit muss sein​​​​​
Entspannung hier nicht möglich​​​​
Einengend​​​​​​​

Kratzen
Rote Puschel
Fegen durch Baumkronen
Werden sie sich einig
Eichhörnchen


Literatur:
Niebergall, Rainer (2012). Straßen erzählen Geschichte(n). Von Hinterhöfen und sozialem Wohnungsbau. Das Westend. Wiesbaden.
Russ, Sigrid (2005). Kulturdenkmäler in Hessen. Wiesbaden I.3 –Stadterweiterung außerhalb der Ringstraße. Stuttgart

Quellen:
Adressbücher der Stadt Wiesbaden und Umgegend, Jg. 1921-1933. [15.07.2020].
Projekt „Urbane Nischen“, Protokoll Fotoralley 02.07.2020, angefertigt von Anna Slabik.
Projekt „Urbane Nischen“, Protokoll Fotoralley 15.07.2020, angefertigt von Anna Slabik.
Wiesbadener Adressbuch mit Bad Schwalbach, Bleidenstadt, Hahn i.T., Niederwalluf, Neuhof ​i.T., Schlangenbad u. Wehen i.T., Jg. 1938 (214; 218; 227).  [15.07.2020].


Das Elfchen ist eine lyrische Verdichtung, bestehend aus elf Wörtern und fünf Zeilen, welches hier zur subjektiven Wahrnehmungsbeschreibung verwendet wird.

Dieser Beitrag gehört zur Station Fotoralley der Phase 1. Nähere Informationen findet Ihr hier.

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