Das zweigeteilte Viertel

Das Wiesbadener Westend ist geprägt von ungewöhnlichen Paarungen. Eine Grenze in der Mitte des multikulturellen Stadtteils schafft zwei eigene Welten. Ein Porträt.

Ein Gastbeitrag von Erdal Aslan*

Wenn Chaos und Ordnung eine Liaison eingingen, könnte man dieser Beziehung in Wiesbaden einen Namen geben: das Westend. Für manche ein Szeneviertel, für andere der Problembezirk schlechthin. Wahrscheinlich gibt es keinen anderen Stadtteil in der hessischen Landeshauptstadt, der derart von Gegensätzen und ungewöhnlichen Paarungen geprägt ist. Hier treffen Orient auf Okzident, Bildungsbürger auf ungelernte Hilfsarbeiter, Kopftuch auf Hotpants, denkmalgeschützte Architektur auf heruntergekommene Altbauten, Kebab auf Tofu, Arm auf Reich. Das Besondere: Es geschieht auf engstem Raum mitten in der Stadt. 

Das Westend ist nicht nur der flächentechnisch kleinste Ortsbezirk Wiesbadens, sondern zählt zu den dicht besiedeltesten Vierteln in ganz Deutschland. Rund 18.000 Menschen aus 100 Nationen bevölkern den multikulturellen Stadtteil. Was viele Wiesbadener nicht wissen: Es existiert eine Grenze im Viertel, die für eine ungleiche Paarung innerhalb des kleinen Westends sorgt. Der Bismarckring teilt den Stadtteil in das innere (bis zur Schwalbacher Straße) und das äußere Westend (bis einschließlich Elsässer Platz). Zwei Welten für sich.

Das innere Westend, auch „Klein-Istanbul“ genannt (Migrantenanteil 63 Prozent), steht mit seinen Hauptschlagadern Wellritz- und Bleichstraße für pulsierendes Leben im Freien, internationale Gastronomien und Geschäfte, Verkehrslärm in engen, verschachtelten Straßen und auch immer wiederkehrendem (Sperr-)Müll an bestimmten Ecken. Ein im Stadtvergleich hohes Kriminalitätsaufkommen (vor allem rund um den Platz der Deutschen Einheit) gehört zu den Schattenseiten dieses Bezirks. Das äußere Westend (Migrantenanteil 39 Prozent) steht hingegen für Entschleunigung, kleine inhabergeführte Cafés, urbane Kultur- und Künstlerszene in Hinterhöfen, Hipster mit Jutebeutel und von hohen Bäumen gesäumte saubere Wohlfühl-Wohnstraßen. Liegen gelassener Hundekot scheint dort (neben der Parkplatznot) mit das größte Ärgernis darzustellen.

„Im inneren Westend befindest du dich mitten in einem Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann“, sagt Bewohner Abdullah Düzgün, besser bekannt als „Apo abi“ in der Wellritzstraße („Abi“: türkisch für „großer Bruder“). Mit Vulkan will der 58-Jährige auf das Temperamentvolle, Lebhafte hinweisen. „Das äußere Westend fühlt sich für mich wie die idyllischen Täler an, von denen man den Vulkan aus der Ferne beobachtet“, beschreibt der Kurdischstämmige aus der Türkei den zweigeteilten Stadtteil. Chaos und Ordnung eben. Yin und Yang. 

„Manche im äußeren Westend schmücken sich gerne mit der Exotik des inneren Westends. Man geht dort zwar gerne essen und einkaufen, aber wohnen will man da nicht unbedingt“, sagt Wahl-Westendler Jonathan Roth. Der Wissenschaftler leitet für die Universität Mainz ein kulturanthropologisches Forschungsprojekt, das sich mit diesem besonderen Stück Wiesbaden auseinandersetzt. Auch die Spaltung des Stadtteils wird analysiert. „Bewohner des äußeren Westends betrachten das innere aber schon als Teil ihres Viertels. Weil sie durch das innere Westend laufen müssen, um in die Innenstadt zu gelangen, kommen sie auch in Kontakt mit der anderen Hälfte.“ Umgekehrt treffe das nicht unbedingt zu. „Für Bewohner des  inneren Westends wirkt das äußere Westend eher wie die Beletage, in die man nicht hineingehört“, meint Roth. Er wünscht sich von allen Beteiligten, dass man das Westend viel öfter „zusammen denkt“.

Dabei trennt auch die Stadtverwaltung die beiden Bereiche bei ihren sogenannten Sozialraumanalysen.„Das innere Westend gilt als ein Viertel mit hoher sozialer Bedarfslage. Es gibt hier relativ viele kinderreiche Familien in prekären Lebensverhältnissen und eine hohe Arbeitslosigkeit“, berichtet Stadtteilmanagerin Ute Ledwoyt vom Verein Kubis. Die Arbeitslosenquote im inneren Westend liegt laut Statistikamt bei 16,5 Prozent, im äußeren dagegen bei 7,4 Prozent (ganz Wiesbaden 6,8 Prozent).

Dass diesen beiden Hälften überhaupt zu einem Paar verschmolzen sind, ist übrigens der hessischen Gebietsreform ab 1972 geschuldet, erklärt Michael Bischoff, der 33 Jahre lang Westend-Ortsvorsteher war. „Die Verwaltung hat damals neue Planungsbereiche geschaffen. Dabei hat sie geschaut, was nebeneinanderliegt und zusammen etwa 15-20.000 Einwohner vorweisen kann, sodass sie einen Ortsvorsteher stellen konnte.“ Bischoff vergleicht es mit der Situation nach dem 1. Weltkrieg, als im Nahen Osten per Lineal Grenzlinien gezogen und so neue „künstliche“ Länder geschaffen worden sind. „Den Namen Westend gab es in dieser Form davor auch nicht. Das heutige äußere nannte man Feldherrenviertel, weil die Straßen nach preußischen Offizieren benannt sind. Das innere war einfach Teil der Stadt“, erzählt Bischoff.

Schon die frühe Entstehungsgeschichte erklärt, wie sehr sich die Bauweise nachhaltig auf die unterschiedliche Atmosphäre eines Stadtteils auswirken kann. „Ab 1850 entstanden im inneren Westend niedrige Einfachsbauten mit Toiletten in den Treppenhäusern für einfache Arbeiter und Tagelöhner. Ende 1800, Anfang 1900 bauten Handwerker und Architekten im äußeren Westend die reich geschmückten hohen Häuser im Stile des Historismus, mit breiten Straßen, Vorgärten und Bäumen, die von Beamten bewohnt wurden.“ 

Noch heute beeinflusst die Architektur, wer in die jeweilige Hälfte einzieht. Es ist kein Zufall, das nach der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit im Jahr 2014 viele Rumänen und Bulgaren ins innere Westend zugewandert sind, darunter auch Roma. Nicht wenige ohne Sprachkenntnisse und jedwede Ausbildung. Im inneren Westend finden sie Hilfsjobs und bezahlbare, teilweise heruntergekommene Wohnungen. Überhaupt bietet das ganze Westend noch relativ günstige Mieten im Vergleich zur Reststadt. Das zieht auch viele Studenten ins Viertel, die das lebendige Westend wiederum als willkommenes Kontrastprogramm zum übrigen „Spießbaden“ empfinden. „Wobei das äußere Westend durch die Architektur einen gehobeneren Standard hergeben kann und somit die Mieten steigen könnten. Das würde die Spaltung des Stadtteils weiter begünstigen“, warnt Jonathan Roth. Das Schreckgespenst Gentrifizierung geistert dort schon seit geraumer Zeit umher.

Dass Zuwanderer das innere Westend als erste Station in Wiesbaden aufsuchen, hat im Übrigen Tradition. Früher lebten viele Juden aus Osteuropa dort, später haben sich italienische und türkische Gastarbeiter niedergelassen. In den vergangenen Jahren sind Flüchtlinge aus Syrien und Somalia hinzugezogen. Das erklärt auch die fünf Moscheen im inneren Westend – im äußeren Bezirk gibt es dagegen die St. Elisabeth-Kirche. 

„Das Westend ist für Neuankömmlinge der Bahnhof der Stadt“, sagt Ute Ledwoyt. Wer es „geschafft“ hat, zieht weiter. Bischoff nennt das Viertel daher „Durchlauferhitzer“. Das gesamte Westend ist traditionell einer der Wiesbadener Stadtteile mit der höchsten Fluktuation. Ein ständiger Bevölkerungsaustausch, immer wieder neue gesellschaftliche Paarungen gehören zur DNA dieses Stadtteils. Die vielen Kulturen und Lebensrealitäten, die in abgeschwächter Form auch im äußeren Westend zu finden sind, bergen Konfliktpotenzial. „Am Ende des Tages bleibt es aber friedlich. Wenn wir im Westend nicht die Menschen integrieren können, dann schafft man das nirgendwo in der Stadt“, betont Abdullah Düzgün, der selbst vielen Bulgaren ehrenamtlich hilft. Die immense Integrationsleistung dieses Viertels vergessen manche, die schnell mal vom „Ausländer-Ghetto mit eigenen Regeln“, sprechen. Auch Bewohner des äußeren Westends leisten ihren Beitrag: Viele arbeiten in den zahlreichen sozialen Institutionen, die den Neu-Westendlern unter die Arme greifen.

Bei all den Unterschieden dieses zweigeteilten Stadtteils: Eine gewisse Toleranz gegenüber Neuem, ein geselliges, lässiges Miteinander kennzeichnet beide Hälften. Jede Seite auf seine Art und Weise. „Ich bin ohnehin dagegen, dass man das Viertel in das Höherwertige und das Minderwertige unterteilt“, sagt Ina Dressel vom Café Anderswo, einem dieser individuellen Läden im äußeren Westend. „Ja, es existieren noch Mauern zwischen beiden Seiten, wenn auch nicht sehr hohe“, meint die Thüringerin. „Wir haben aber schon im Osten Mauern eingerissen, das schaffen wir auch hier.“


*) Dieser Artikel wurde von Erdal Aslan für das Magazin „Andererseits“ des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden verfasst und dort in der Ausgabe Nr. 15 als Beitrag zum Themenheft „Paarungen“ veröffentlicht.

Die Zweitveröffentlichung des Artikels bei hinterhofwestend erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors sowie Caroline Lazarou, Leitung Kommunikation und Marketing des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden.